Lebenslauf
Geboren bin ich in Hamburg am 7. Oktober 1945 als Sohn eines Ingenieurstudenten (28) und einer gelernten Buchhändlerin (22). Der Vater stammte aus kleinbäuerlichen Verhältnissen in Unterfranken und war zweites Kind eines Schumachers und einer Bäuerin mit drei weiteren Geschwistern. Hier erwarb er die bäuerliche Gewohnheit, möglichst alle handwerklichen Arbeiten selbst zu machen und deswegen nichts wegzuwerfen. Das gab er mir weiter. Die Mutter stammte aus dem Hamburger Großbürgertum, ihr Vater hatte in die reiche Familie meiner Großmutter eingeheiratet und gründete – allerdings aus eigener Kraft – einen Buchverlag. Meine Mutter gab mir seine Begabungen in musischer Richtung weiter. Der Wohlstand ihrer Familie ging in den zwei Weltkriegen verloren. Deshalb waren die bäuerlichen Fertigkeiten meines Vater willkommen, um das ererbte Haus und den Garten instand zu halten. (Ich habe noch einige seiner Möbel aus Altmaterial, die er für Kinder und Enkel gebaut hatte.) Der Buchverlag wurde von meinen Eltern übernommen und weitergeführt.
Als Kind spielte ich eher für mich allein und in der Schule (ab 1951) gehörte ich nicht zuden bandenbildenden Jungen. Vorsorglich hatte meine Mutter mich, den zarten Träumer, auf dem Mädchenzweig der Schule angemeldet, wo ich folgerichtig neben dem Zeichenunterricht (am liebsten Vulkane und Windmühlen) auch Nadelarbeit lernte. Auf dem Gymnasium (1955-65) gehörte ich zu den wenigen, die den Kunstunterricht nicht zum Rauchen und Skatspielen nutzten, sondern ich entwickelte mein Zeichentalent und experimentierte mit Drucktechniken (Radierung, Monotypie, Linol- und Holzschnitt) und – weniger erfolgreich – mit Farbe. Plastische Arbeit kam im Unterricht leider nicht vor, ich machte solche Objekte, wenn mich Fundstücke anregten. Lange Zeit sammelte ich Kunstabbildungen, die ich ausschnitt, wo ich sie fand. Das war ein Vorschlag des Kunstlehrers, dem ich so einen chaotischen Überblick über alte und zeitgenössische Kunst verdankte. Die Ordner wurden erst 2009 weggeworfen, als das Haus in Hamburg zum Verkauf geräumt werden mußte. (Auch einige Ölmalereien und andere Objekte gingen diesen Weg, weil ich sie nicht aufheben konnte.) Bei dieser ungeordneten Sammelei kam ich erstmals mit DADA in Berührung, besonders mit Schwitters. Ich war fasziniert, denn ich hatte schon mit Fundmaterial gearbeitet und die Collagen von DADA bestätigten mich. Es wurde ein Grundmuster meiner Arbeiten, vorgefundene Dinge zusammenzustellen oder zu interpretieren. Zum Abitur wurden die erfolgreichen Absolventen mit ihrem Berufswunsch in der Lokalpresse veröffentlicht. Da ich mich im Kunstunterricht immer am wohlsten gefühlt hatte, gab ich Kunstmaler an, nachdem bei der Berufsberatung herausgekommen war, dass ich sowohl Drucker und Setzer, als auch Architekt werden könne. Meine naive Vorstellung von der Fähigkeit der Berufsberatung war geplatzt.

1965 – 67 leistete ich Militärdienst und wurde als Fernschreiber ausgebildet, dabei nutzte ich die langen Nachtdienste, um zu zeichnen. Meine Technik war, Tinte auf die Blätter zu spritzen, schleudern oder klecksen und die Zufallsformen mit der Feder zu bearbeiten. Ich liebte es, skurrile Motive in den Bildern zu verstecken. (Beispiel Zeichnung „Schmerz im Auge“) Einige der Zeichnungen setzte ich später in Ölbilder, meist aber in Linolschnitte um – auch die Druckplatten wurden 2007 weggeworfen! Es folgte das Studium der Architektur an der Hochschule für bildende Künste (HfbK) Hamburg-Lerchenfeld (1967 – 74), das mit Einserdiplom abschloss – aufgebaut als Studium Generale mit Praktikum am Bau und in der Lehrwerkstatt (Die Balkonfenstertür hielt bis 2010 im Dachgeschoss des Hamburger Hauses). Ich lernte vom Einzelhaus bis zur Stadtplanung alles, was dem damaligen Architekten entsprechen sollte.
Während dieser Zeit verkaufte ich auf einem Strassenbasar in den Alsterarkaden meine Druckgrafik und organisierte eine erste öffentliche Ausstellung in einem literarischen Kabarett „Die Wendeltreppe“, dessen bester Mann Morgenstern´sche Qualitäten hatte. Am Anfang des Studiums traf ich auf mein späteres Lebensthema: Thonet. Mein Großvater hatte einige Thonetmöbel gekauft und Kommilitonen sahen sie bei Besuchen. Da sie sie hatten haben wollen, ließ ich mir erklären, warum und erkannte das Spezielle an Thonets Konstruktionen. Ich fing an zu sammeln – aus Geldmangel fast nur auf dem Sperrmüll – und bekam schnell soviel zusammen, dass ich wieder welche loswerden mußte. Verkaufen war die Lösung, die mir schnell die ökonomische Tragfähigkeit zeigte.
Während des Studiums – wir wurden angehalten, alle Abteilungen der HfbK zu besuchen – regten mich die Arbeiten anderer Studenten an, ich imitierte und kam schnell zu ironischen Persiflagen. Besonders beeindruckte mich die Licht- und Windmaschine von Geldmacher und Mariotti, die zur 4. Documenta gezeigt wurde. Klaus Geldmacher nutzte die Seminarräume zur Montage der kleinen Ausführungen und ich sah sie und wurde gereizt, auch davon ein Pastiche zu machen. Da ich es sofort gut verkaufen konnte, habe ich mehrere verschiedene gemacht, von denen einige verkauft wurden, eine bei mir geblieben, eine 2009 weggeworfen und eine in der Verwandtschaft verschenkt worden ist. Die erste Licht-Windmaschine war die wildeste. Ich benutzte das Altmaterial, das mein
Vater im Keller aufhob. Alu-Schaukelkufen trugen einen Staubsaugermotor mit Gebläse, farbige Glühlampen mit offener Verdrahtung wurden von einem funkensprühenden Schaltrelais gsteuert und das Anlaufmoment des Motors versetzte alles ins Schaukeln. Dem Käufer montierte ich es an der Wand hängend, was sie Bewegung verstärkte.
Zu dieser Zeit (das berühmte Jahr ´68!) war ich in der studentischen Vertretung aktiv und erfuhr, wie die Leute, die es auf sich nehmen, in Gremien und Fachschaften zu sitzen, zum Ausgleich dafür die Richtung der Entwicklung steuern können. Danach war Politiker keine Option für mich. Allerdings kostete mich diese Erfahrung drei Jahre kreative Zeit. Diplom 1974 und Anstellung als Architekt bis Mitte 1975 in Berlin unterbrachen die Werkproduktion mit ihrem hohen Zeitbedarf. Die gleichzeitige Trennung von meiner ersten Partnerin blockierte mich. Erst zu Ende 1975, als ich den Thonetladen eröffnete, hatte ich die Zeit und emotionale Verfassung, wieder frei zu arbeiten. Ich ließ mich von den formalen Aspekten der Thonetmöbel inspirieren und zog Anregung aus Publikationen, auch über DADA. Dabei spielte ich oft damit, Worte ganz wörtlich zu nehmen und unerwartet zu interpretieren. (Beispiel: DADA ist auch zu verstehen als Antwort auf die Frage Wo,wo? – weshalb ich es oft „DaDa“ schreibe – meine Umformung. 1986 lernte ich meine spätere Frau kennen – sie stabilisierte mich emotional.
Bald (um 1980) hatte ich genug Objekte, um in meinem Laden eine Ausstellung „Design oder nicht sein“ zu machen. Der Titel thematisierte, dass neue Stilrichtungen, wenn sie etabliert sind, von den Nachfolgern nur noch als Überformung des vorhandenen gebraucht oder eher mißbraucht wurden. Daneben reizte es mich, meine Kunden damit zu verblüffen, dass Thonet solche merkwürdigen Doppelsessel und Eckdrehhocker produzierthaben soll. Mich selbst interessierte an dieser Arbeit die Veränderung des Ausdrucks einer gegebenen Form, die in einen anderen Kontext gestellt wurde. Die Arbeiten über Picassos Stierkopf aus Sattel und Lenker zeigen, wie ein Bogen zu Hörnern wird und wie die Auswahl des Materials, die Größenverhältnisse und die räumliche Anordnung den Ausdruck bestimmen.
Zeiten geringerer „Produktivität“ gehen auf Ereignisse zurück, die meine Zeit, Energie und Konzentration aufzehrten oder meine kreative Lust anders erfüllten. 1983 baute ich unsere Wohnung um, 1985 mußte ich mit meinem Laden umziehen, 1988 entdeckte ich die Türkei und orientalische Textilien für mich, 1994 bauten wir unser Feriendomizil in Lykien auf und ich ging mit Freunden oder allein zum Wandern in die Berge des Taurus – es entstand ein Wandertagebuch. Neben all diesen Aktivitäten veranstalteten wir mehrmals im Jahr Hauskonzerte – alles geeignet, meine Zeit zu füllen. 1998 starb mein Vater, 2008 meine Mutter, keine gute Zeit für mich, Kunst zu machen. Das Haus musste geräumt werden – ein Jahr Trauerarbeit!
Dennoch hatte ich bald wieder Lust auf Arbeit mit Fundmaterial und wurde durch einige Verkäufe an Zufallskunden bestätigt. Die Klapheck-Hommage, Picasso-Pastiches und anderes fand genug Gefallen, um gekauft zu werden. Daneben waren Arbeiten mit Bezug auf die Lebenssituation von Freunden gute Geschenke (Beispiel. Oskar Schlemmer-Hampelmann für Manfred Ludewig, Axt an Spiralgriff für Ekkehard Brunn).
Die Begegnung mit Joachim Sklorz hat mich nicht nur angeregt, wieder mehr zu arbeiten, mir ist auch klargeworden,

– dass ich alle Situationen, Entscheidungen, Herstellungen immer ästhetisch erlebt und bestimmt habe

– dass ich immer Zeit eingesetzt habe, momentane Aktivität zugunsten spontaner Aufmerksamkeit zu unterbrechen.

– dass ich immer an den Arbeiten anderer interessiert war

– dass ich immer Lust hatte, zu zeigen was ich gemacht habe.

 

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